Wenn 2 Herzschläge ganz besonders klingen, dann nur, weil sie im selben Rythmus swingen :) - Teil 15

Autor: Maggie
veröffentlicht am: 12.05.2012


So, der nächste Teil ist fertig :)
Ab jetzt kommen wieder regelmäßiger Updates, versprochen! Ich war in den letzten Wochen etwas verplant.
Ich hoffe ihr mögt die Geschichte noch immer und natürlich freue ich mich über jeden Kommentar!
Liebe Grüße
Maggie




Grimmig stand ich vor meinem Kleiderschrank. Die sonst so sorgfältig und fast pedantisch geordneten Kleider verteilten sich wild durch mein Schlafzimmer, allein schon diese Tatsache schlug mir auf mein ordnungsliebendes Gemüt. Dazu kam der Umstand, dass ich einfach nicht wusste, welches verdammte Kleid ich am Samstag anziehen sollte. Und dann der Gedanke an Samstag! Das Absolvententreffen!
Ich brummte missmutig vor mich hin und sah verstohlen zu Erik, der vertieft in sein Iphone auf meinem Bett lag, umrahmt von mehreren Tütchen und Täschchen, vollgestopft mit meinen ganzen Cremes und anderen Beauty-Gedöhns.
Der selbstgefällige Ausdruck in seinem Gesicht, den wahrscheinlich nur ich in diesem Moment sah, brachte mich dann fast zur Weißglut. Ich gab ihm die Schuld an meinem Dilemma. Warum musste er denn auch zu dieser idiotischen Nerd-Veranstaltung fahren? War es nicht seine Pflicht bei mir zu bleiben? Schließlich war er ja jetzt offiziell mein Freund.
Oh ja! Mein fester Freund, so richtig und mit allem drum und dran. Und es fühlte sich verdammt gut an diesen ungewohnten Umstand immer und immer wieder zu denken, es sich so richtig auf der Zunge zergehen zu lassen, unglaublich!
Ich schwebte ja schon so ein eines bisschen auf Wolke Sieben, auch wenn das alles für mich total neu war.
So richtig war es noch immer nicht zu fassen. Wie hatte dieser Kerl es eigentlich geschafft, dass ich mich innerhalb von wenigen Tagen so in ihn verliebt hatte? Ich schüttelte ungläubig mit dem Kopf und seufzte, dann drehte ich mich wieder zu den chaotischen Überbleibseln meines Schrankes. Meine Gedanken schweiften immer wieder ab, ich wollte doch endlich meinen Koffer fertig packen. Und außerdem war ich doch schlecht gelaunt! Alles in mir sträubte sich vor dem Wochenende in der Heimat, gerade jetzt noch mehr als sonst irgendwann in den letzten fünf Jahren. Ich hatte regelrechte Panik.
Ich hatte Angst vor den Erinnerungen, die mich unweigerlich umhauen würden. Hier in Köln, weit weg, war es einfach zu vergessen. Ich konnte mich kaum an die letzten Besuche bei meinen Eltern erinnern, ich wusste nur noch, dass sie jedes mal schrecklich waren. Jetzt war ich natürlich stärker, es war wieder Zeit vergangen, doch ob meine so sorgfältig zusammengemauerte Fassade nicht doch ein paar Risse abbekommen könnte?
Und dann war da in dieser Woche eine noch viel gemeinere Angst dazu gekommen. Die Angst vor einer Begegnung mit Tom.
Vor zwei Wochen hätte ich mir vor Aufregung wahrscheinlich fast ins Höschen gemacht bei der Vorstellung IHN wieder zu sehen, doch jetzt hatten sich die Umstände drastisch geändert.
Erik füllte zur Zeit mein Herz aus, er hatte die schwachen Erinnerungsgefühle, die noch für Tom übrig gewesen waren, wie eine Bombe aus meinem Kopf gefegt. Dafür war ich ihm unendlich dankbar und ich war mir eigentlich auch ziemlich sicher, dass das so schnell auch kein Tom Henning, den ich im Grunde gar nicht mehr kannte, ändern könnte. Da brauchte ich nur einen weiteren Seitenblick zu Erik riskieren, wie er da lag, mit seinen coolen Klamotten, dem Wuschelkopf und der Brille. Ich grinste dümmlich und schallt mich sofort für diese deppigen Blicke, die ich ihm andauernd zuwerfen musste. Sofort zwang ich mich wieder zu dem verbitterten Gesichtsausdruck und wie auf Kommando zum Einklang meiner gepressten Mimik schlichen sich finstere Ahnungen hinterhältig in meinen Kopf.
Wie würde es sein, fernab dieser kleinen Traumwelt hier? Zurück in der Wirklichkeit und konfrontiert mit meinem alten Leben? Erik, weit weg, irgendwo in Berlin, Tom präsent und (so stellte ich mir das jedenfalls vor) noch hübscher als damals...- Nein! Absoluter Unsinn! Ich spürte bei dem Gedanken an ihn nur noch reine Neugier, nicht mehr diese wehmütigen und schmerzenden Gefühle. Und außerdem: Warum machte ich mich hier eigentlich verrückt? Ich würde ihm wahrscheinlich eh nicht begegnen und wenn, dann wäre es ein zufälliges Zusammentreffen alter Freunde. Genau! Außerdem musste ich ihm unbedingt von den weiteren Vorfällen hier berichten. Er hatte sich ja nicht einmal mehr gemeldet, dachte ich etwas beleidigt. Der Gedanke versetzte mir einen kleinen Stich, auch wenn er kaum zu spüren war. Warum hatte er nur einmal kurz angerufen? Er hatte sich nicht mehr nach mir und meinem Wohlbefinden erkundigt, obwohl er wusste, dass ich genauso wie er bedroht wurde. Irgendwie fand ich dieses Verhalten merkwürdig. Dann erinnerte ich mich daran, dass er laut diesem Jesse doch verlobt war. Vielleicht war das ja der Grund. Doch irgendetwas nagte da noch in mir, es war -
„Ist das eigentlich dein ernst?“ Ich zuckte ertappt zusammen. Erik starrte mich entrüstet an.
„Ähh, wovon sprichst du bitte?“ Er konnte doch nicht etwa Gedanken lesen?
„Von diesem Reisekoffer und deinem halben Kleiderschrank im inneren!“ Ich stutze, so viele Klamotten hatte ich doch garnicht eingepackt und prüfte mit kurzem Blick den fast vollen Koffer.
„Ich lege mich nun mal nicht gerne fest in Sachen Kleidung. Woher soll ich jetzt bitte wissen, was ich morgen anziehen will?“
Er schüttelte lachend den Kopf.
„Du bist doch nur EIN Wochenende fort. Das sind ZWEI Tage und wir haben Sommer. An sich ist allein schon deine Handtasche zu groß für das, was du im Grunde brauchen wirst.“ Ich kniff ärgerlich die Augen zusammen und giftete zurück:
„Ich weiß wie viel Tage ein Wochenende hat, Danke! Und wie ich eben bereits erwähnte, brauche ich Alternativen und ich brauche Kosmetik. Schließlich will ich zu dem heißgeliebten Absolvententreffen besonders hübsch aussehen...ich freue mich ja auch schon das ganze Jahr nur auf diesen Tag!“ Die Worte schwammen im Sarkasmus. Erik verzog entwaffnend die Mundwinkel und sah mich mitleidig an.
Da waren wir auch schon wieder an dem Punkt, den wir die ganze Woche ausführlichst durchgekaut hatten.
Er wusste genau, wie ungern ich nach Hause fuhr, trotzdem bestand er darauf. Gelegentlich dachte ich, er wolle mich tatsächlich auf die Probe stellen, doch er beteuerte, es ginge ihm ausschließlich um meine Sicherheit. Und da musste ich ihm ausnahmsweise zustimmen. Zur Zeit war der Gedanke an ein ganzes Wochenende allein hier in meiner so liebgewonnenen Stadt einfach zu gruselig. So lange der Stalker nicht gefasst war (wie auch immer das jemals überhaupt geschehen sollte), traute ich mich nicht alleine zu bleiben.
Um ganz ehrlich zu sein, wünschte ich mir nur, dass diese Woche niemals enden würde. Selbst der Stalker konnte mir mein Glück nicht vermiesen, denn die letzten Tage waren trotz aller Schatten und Wolken in meinem Leben einfach nur traumhaft gewesen. Und der Grund dafür lag momentan auf meinem Bett und prüfte weiterhin kritisch den Inhalt meines Koffers.
Erik und ich hatten jede freie Minute miteinander verbracht. Er hatte mich wie üblich auf Arbeit beglitten sowie abgeholt und jede Nacht hatte er bei mir geschlafen. Ich musste zugeben, ich hatte eine wirklich sexuell befriedigende Woche hinter mir und wurde bei einigen Erinnerungen fast rot. Ja, es begann die Phase der Experimentierfreude und Erik war genauso erfinderisch wie ich.
Mir war bewusst, dass ich mir die letzten Tage ein kleines Liebesvakuum erschaffen hatte, an welcher alle bösen und fiesen Dinge abprallten. Jetzt, es war Donnerstagabend, musste ich diese Blase von innen aufstechen und der Geschmack von zuckersüßen rosa Kaugummi wechselte zur bitteren Wirklichkeit. Unsere letzte Nacht stand uns bevor und am Morgen würde Erik mich erst zum Bahnhof bringen und danach selber zum Flughafen fahren. Ich seufzte ein weiteres Mal. Seid wann war ich eigentlich so trübsinnig?
Die Liebe machte aus mir ein sentimentales Mimöschen. Ich wandte meinen Blick wieder dem Kleiderschrank zu.
Plötzlich stach mir ein bordeauxrotes trägerfreies Kleid in die Augen. Ich zog es bedächtig von der Stange und betrachtete es ganz genau. Dieses war perfekt! Es war aus einem elastischen Stoff und unverschämt kurz. Eigentlich war es nur ein Stoffschlauch, doch es würde knall eng sitzen und jede kurve meines Körpers betonen. Wenn ich schon dort auftauchte, dann aber richtig. Ich grinste zufrieden und legte es in meinen Koffer. Sofort nahm Erik es an sich und drehte den Hauch von Nichts in seinen Händen.
„Maya, jetzt mal ernsthaft! Wozu brauchst du bitte einen Schal?“ Ich prustete los.
„Das ist ein Kleid, du Unwissender!“ Seine Augen wurden riesig, er schob sich die Brille hoch, stand auf und kam mit dem Kleid auf mich zu. Dann hielt er es vor mich, setzte eine skeptische Miene auf und fixierte mich mit seinen Augen.
„Und das willst du auf dem Treffen tragen?“ Er klang leicht erstaunt, aber nicht vorwurfsvoll. Ich schnappte mir das Kleid zurück und antwortete knapp mit:
„Jap!“ Dann wollte ich mich an ihm vorbei stehlen, doch er hielt mich mit der flachen Hand auf meinem Bauch zurück. Ich sah mit hochgezogenen Augenbrauen zu ihm auf. Er räusperte sich verlegen und sagte dann:
“Könntest du es bitte kurz anziehen?“
„Wozu denn das? Willst du es dir erst ansehen und mir dann deine Erlaubnis erteilen? Du kannst mich mal!“ Sofort war ich tierisch gereizt, auf Kerle, die mir irgendetwas vorschreiben wollten, reagierte ich allergisch. Doch Erik sah mich nur verständnislos an.
„Was? Das ist mir doch vollkommen Schnuppe, was du da anziehst. Geh meinetwegen im Bikini ...wenn es dich glücklich macht!“ Es klang ehrlich und beruhigte mich zu tiefst, doch ich wusste nicht, worauf er hinaus wollte.
„Und warum soll ich es dann bitte anziehen?“
Nun grinste er süffisant, kam mir ganz nahe und flüsterte mit rauchiger Stimme.
„Für mich, jetzt!“ Ich verstand sofort, verschwand auf der Stelle im Badezimmer und kam die nächste halbe Stunde mit dem packen des Koffers nicht weiter.

Das Kleid erfüllte definitiv seinen Zweck!
Ich grinste bei der Erinnerung in mich rein, während ich am Spülbecken stand und die Überreste unseres Abendbrotes beseitigte. Erik hatte gekocht. Naja, kochen konnte man es nicht nennen. Er war vielleicht perfekt in vielerlei Hinsichten, aber kochen gehörte ganz bestimmt nicht zu seinen Stärken. Mich schüttelte es noch immer leicht. Wie konnte man eigentlich Spinatnudeln auf solch eine grausame Art zubereiten?
Bei dem ersten Bissen hatte ich sofort das Gesicht verzogen, obwohl Erik mich erwartungsvoll beobachtet hatte, es war total versalzen und die Nudeln waren noch hart. Ich spuckte den Inhalt aus meinem Mund zurück auf den Teller. Natürlich war er von meiner ehrlichen Reaktion kurz beleidigt gewesen, nachdem er aber selbst gekostet hatte, prustete er los und gestand mir, dass er in diesen Dingen absolut talentfrei war. Dabei hatte er sich noch angeboten, das zubereiten des Abendbrotes zu übernehmen. Wahrscheinlich hatte er mich beeindrucken wollen. War ihm ja auch gelungen, dachte ich kopfschüttelnd.
Nach dem kleinen Intermezzo mit dem Kleid, hatte ich meinen Koffer schnell fertig gepackt. Nun war es bereits fast zehn Uhr. Kim hatte den Schlüssel für meine Wohnung um die Kater zu verpflegen, sie sollte aber nur in Begleitung von Luca hier her kommen. Sie verstand es nicht ganz, aber mir war wohler bei dem Gedanken. Wer weiß, am Ende würde der Stalker sie noch für mich halten. Nicht auszumalen!
Alles war also vorbereitet und sofort stellte sich die schlechte Laune wieder ein.
Ich ribbelte mit der rauen Seite des Schwamms aggressiv den verklebten Teller in meiner Hand ab. Das Teil schrubbte ich schon seit Minuten und es wollte einfach nicht abgehen. Meine ganze Verzweiflung und mein Ärger flossen in den Abwasch und ich scheuerte wie eine verrückte. Endlich hatte ich ihn sauber und stellte ihn befriedigt in die Abtropfspüle. Hardcore-Abwaschen als Wutkompensation – ich war echt am Ende!
Ich blinzelte über die Schulter und sah zu Erik, der mich dank meiner offenen Küche amüsiert beobachteten konnte. Er lag mit den Katern auf der Couch und zappte durch das Fernsehprogramm.
„Alles klar bei dir da hinten?“ Ertappt wandte ich mich ab, nahm mir den nächsten verkrusteten Topf vor und stellte mich dabei auf einen erneuten Kampf am Abwaschbecken ein. Auf seine Frage reagierte ich nicht.
Ich hörte erst ein kurzes rascheln und dann Schritte. Plötzlich stand er neben mir, schnappte sich ein Handtuch und begann das Geschirr sorgfältig zu trocknen.
„Bist du sauer auf mich?“ Es klang irgendwie überhaupt nicht zweifelnd, eher noch immer amüsiert.
„Quatsch!“
„Dann ist dir wohl eben wieder eingefallen, dass du morgen in deine Heimat fahren wirst!“
Ich funkelte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. Er gluckste vor sich hin, mied aber meinen Blick und tat so, als brauche das Glas in seiner Hand seine volle Konzentration. Ich gab es auf, er kannte mich schon jetzt ziemlich gut, wahrscheinlich war ich auch relativ einfach zu durchschauen.
„Ja. Der Gedanke an morgen verursacht regelrechte Bauchschmerzen. Du weißt nicht, was du da von mir verlangst Erik. Ehrlich!“ Er sah mich mitleidig an, stöhnte aber auch leicht genervt.
„Versuch doch mal positiv zu denken, wenigstens ein bisschen. Du kannst dich nicht ewig vor deiner Vergangenheit sträuben. Und was ist mit deinen Eltern? Sie freuen sich so sehr auf dich!“ Das er immer an mein schlechtes Gewissen appellieren musste! Und woher wollte er eigentlich wissen, dass meine Eltern sich „so sehr“ freuen würden? Ich war schon wieder kurz davor, ihm eine gehässig schnippische Antwort zu geben, besann mich aber in letzter Sekunde. Wir hatten die letzten Tage andauernd darüber gestritten und natürlich hatte ich immer den kürzeren gezogen. Das war der Nachteil, wenn man ein überdurchschnittlich intelligenten Freund hatte und man selbst nur mit Mittelmäßigkeit glänzte – man hatte einfach keine Chance ein Wortgefecht mit Argumenten für sich zu entscheiden, selbst wenn man im Recht war. Erik konnte mich in Grund und Boden diskutieren. Resigniert widmete ich mich wieder dem Topf zu und starrte auf die feinen Schaumbläschen im Spülbecken, die wild durcheinander übers Wasser tanzten.
Erik versuchte mich aufzumuntern, indem er sich ganz Großstadtprollo-Like über die hinterwäldlerische Dörflichkeit meiner Heimat lustig machte:
„Dieses Absolvententreffen scheint ja das gesellschaftliche Highlight des Jahres bei euch zu sein, mal abgesehen von der Kirmes...wo man ganze drei Buden finden konnte. Manchmal wundere ich mich echt, wie aus dir ein so stilbewusstes Mädchen werden konnte. Bei der Herkunft erwartet man eher bäuerliche Provinzpomeranzen die in Gummistiefeln auf den Bordstein spucken.“ Ich lachte laut los, doch etwas in seiner kleinen Ansprache stoß mir auf. Ich dachte kurz darüber nach, dann wusste ich, was mir sofort aufgefallen war.
„Woher willst du wissen, wie es bei uns zur Kirmes aussieht?“ Ich bekam nicht sofort eine Antwort, Erik schwieg kurz, dann sagte er wie selbstverständlich:
„Na von eurer Homepage, die nebenbei bemerkt so was von veraltet ist! Da war mal ein Artikel mit Bildern von -“ Ich unterbrach ihn barsch, bei mir läuteten sämtliche Alarmglocken, doch es war noch immer nur eine finstere Ahnung. Er hatte doch nicht wirklich -?
„Was hast du auf der Homepage meines Heimatdorfes verloren?“ Er machte große Augen, erst jetzt wurde ihm wahrscheinlich bewusst, was er soeben völlig ohne Nachzudenken ausgeplaudert hatte. Mit einem mal stieg Röte in seinem Gesicht auf und er leckte sich nervös die Lippen. Ich fuhr ihn ohne eine Antwort abzuwarten an, wollte keine blöden Ausreden hören, er sollte mir auf der Stelle ehrlich meine Vermutung bestätigen.
„Das hast du nicht wirklich getan oder?“ Ich zischte ihn voller Abneigung an. Natürlich hatte er es getan! Ich war kurz vor einem kompletten, absolut unüberlegten Ausraster. Ich atmete bereits schwer, während ich mit klopfendem Herzen seiner dämlichen Erklärung lauschte. Er sprach schnell und versuchte mich zu beschwichtigen:
„Das war damals so nen Tick von mir, das weißt du doch! Ich dachte du hättest dir das längst denken können, als ich dich gefragt habe, ob Lexie die Person auf dem Bild in deinem Flur ist. Das war der Wink mit dem Zaunpfahl!“ Ich kochte, hielt mich nur noch mit Mühe zurück und stieß wütend zwischen meinen Zähnen hervor:
„Du sagtest, du hättest ihre Bilder in einem Ordner meines Laptops gesehen!“
„Und ich dachte du wüsstest, dass es so einen Ordner nicht gibt!“ Nein, so einen Ordner gab es wirklich nicht, er hieß Alexandra, doch damals war es mir in meiner Aufregung nicht aufgefallen. Doch jetzt fiel es mir wie Schuppen von den Augen und es brach mir das Herz. Kleine fiese Splitter verteilten sich in meinem ganzen Körper und es schnürte mir die Kehle zu. Ich war schon lange nicht mehr so aufgebracht gewesen.
„DU HAST ALLES GEWUSST!!!!!!! Und du hast nie was gesagt! Ich fasse es nicht! Du hast mich durch die Hölle gehen lassen, dabei WUSSTEST du es! Wie konntest du nur so mein Vertrauen missbrauchen?“ Ich schleuderte ihm die Wort entgegen, meine Hände waren zu Fäusten geballt, ich hätte ihm am liebsten auf der Stelle halbtot geschlagen. Fassungslos und halb verzweifelt sah er mich an.
„Maya...ich...damals als wir uns kennen lernten, du weißt doch, dass ich misstrauisch war. Bei allen und jedem....deshalb habe ich dich gegoogelt und mich TROTZDEM auf eine Freundschaft mit dir eingelassen. Du warst so verletzlich und ich habe mich sofort zu dir hingezogen gefühlt. Plötzlich waren wir Freunde und wann hätte ich es dir dann erzählen sollen?“ Er klang echt ziemlich fertig, mir war es egal, ich sah nur noch rot.
„SOFORT! Du hättest es mir sofort sagen sollen!“
„Aber wie, ohne dich zu beleidigen?“
„Das war dein verdammtes Problem, schließlich hast DU MICH ausspioniert!“ Mir brach fast die Stimme. Ich war vollkommen aufgelöst und fühlte mich schrecklich hintergangen. Natürlich hätte ich damit rechnen müssen, aber ich hatte ihm vertraut, von Anfang an. Erik war damals wirklich ziemlich strange drauf gewesen und ich wusste auch, dass er die Angewohnheit gehabt hatte, Leute, die plötzlich in sein Leben traten, über vorhandene Informationen im Internet zu kontrollieren. Schließlich war er ein Genie, konnte sich alte Zeugnisse und Schulakten besorgen, hackte sich überall ein. Doch dass er das mit mir getan hatte, darauf war ich nie gekommen, warum auch immer. Und dass er die ganzen Jahre schon alles gewusst hatte – das war der Hammer! Und ich hatte so mit mir gerungen es ihm zu erzählen, von den Drogen und Lexies Tod, hatte so Angst vor seiner Reaktion gehabt – dabei erzählte ich ihm nichts neues. Was er wohl während meines Berichts in der Nacht gedacht hatte? Wahrscheinlich hatte er innerlich gegähnt über diese uralte Story! Es war eine solch hinterhältige Geste, dass ich ihn auf einmal mit völlig anderen Augen sah. Der Anblick schmerzte so sehr, dass ich es nicht aushielt. Auf der Stelle musste er verschwinden! Ich wollte keine weiteren Erklärungen, ich wollte nichts mehr von ihm hören – ich war in diesem Augenblick so verletzt und gleichzeitig rasend wütend. Er startete einen letzten müden Versuch, doch sicher las er schon die Abneigung in meinen Augen.
„Bitte, lass es mich wenigstens erklären!“
„Nein!“
„Ich wollte es dir sagen, aber dann -“
„Nein!“
„- ich hatte mich letztes Jahr in dich verliebt und wie sollte-“
„NEIN! Wag es nicht so etwas zu sagen! Versuch es nicht auf diese Weise!“ Mir standen bereits die Tränen in den Augen, ich schluckte den Kloß hinunter und tat dann das einzig vernünftige – ich schmiss ihn raus.
Erik wusste wann eine Schlacht verloren war und ich war froh, dass er nicht weiter versuchte mich zu bereden oder gar bettelte. Er ging mit seiner bereits gepackten Sporttasche für das Berlin-Wochenende sowie unendlich traurigen Augen und hängenden Schultern aus meiner Wohnung. Er warf mir einen letzten Blick zu, versuchte alle Worte und Gefühle dort hinein zu legen, doch ich sah sofort verbissen an ihm vorbei.
Die Tür knallte hinter ihm ins Schloss und in mir zerbrach etwas.
Ich wusste nicht, ob ich ihm das je verzeihen konnte.





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